Vortrag von Prof. Geldbach

Heute hat Prof. Erich Geldbach einen spannenden und anregenden Vortrag zum Thema “Ethik – Werte – Sport” gehalten, die anschließende Diskussion war sehr lebendig und lässt darauf hoffen, dass das Thema an der Schnittstelle von Kirche und Sport künftig eine größere Rolle spielen wird.

 

Dieser wird hier in Kürze bereitgestellt. Der Landesarbeitskreis wird das Thema weiter bearbeiten.

 

 

Ein weiterer Artikel: Quelle: Bietigheimer Zeitung online

ARTIKEL VOM 30. MAI 2012

Politische Meinung klar vertreten

Wissenschaftler Grupe zur Wertediskussion im Sport vor Fußball-EM und Olympischen Spielen

Fairness, Respekt, Integration: Gelten die dem Sport zugeschriebenen Werte auch im Jahr 2012 noch? Vor den beiden Großereignissen Fußball-EM und Olympia fragten wir Prof. Ommo Grupe aus Tübingen.

Wenn man den Sport betrachtet im Spannungsfeld von Doping, Vereinnahmung durch Wirtschaft, Sponsoren und Medien: Welche Werte kann der Sport denn im Augenblick noch an die Jugendlichen vermitteln?

OMMO GRUPE: Der Sport kann bestimmt immer noch positive Werte vermitteln. Er steht dabei natürlich in Konkurrenz mit Familie, Jugendgruppen und Jugendkultur, die ja alle einen starken Einfluss auf das Verhalten von Jugendlichen haben.

 Aber wie glaubwürdig schätzen Sie gerade den Spitzensport noch ein?

GRUPE: Die Frage ist: Gehen vom Spitzensport wirklich die starken Einflüsse aus, die wir immer unterstellen. Oder ist es so, dass er leider zu einem Teil der Unterhaltungsindustrie geworden ist. Trotzdem ist es so, dass das Sporttreiben im Verein immer noch einen großen Einfluss auf Entscheidungen und Verhalten von Jugendlichen hat.

Erfüllt der Spitzensport noch die Kriterien von Fairness? Im Breitensport scheint das ja eher unproblematisch zu sein.

GRUPE: Ob das im Breitensport wirklich unproblematisch ist, weiß ich nicht. Wenn man sich den Fußball auf dem Dorf anschaut, dann geht es da manchmal auch schon ziemlich rund. Insgesamt aber gelten immer noch die ethischen und moralischen Grundregeln, dass man sich fair verhalten muss, sonst bricht der Sport wirklich nach kurzer Zeit zusammen. Und was wäre denn die Alternative, wenn es dieses Fairnessgebot nicht gäbe? Sportwettkämpfe würden doch bald in Prügeleien ausarten. Ich halte die Fairnessregel für die zentrale Regel bei der Aufrechterhaltung des Wettkampfsportbetriebs, also da, wo es um etwas geht. Bei den Sportspielen ist das entscheidend.

Aber selbst im Volleyball und Basketball gibt es ja durchaus aggressives Verhalten und Regelverletzungen.

GRUPE: Das ist überhaupt keine Frage. Aber mein Eindruck ist, dass die Mehrzahl aller Spiele vergleichsweise fair ablaufen. Wenn es die Fairnessregeln nicht gäbe und wenn es die Schiedsrichter nicht gäbe, die darüber wachen, dass sie eingehalten werden, dann könnte der ganze Sportbetrieb nicht stattfinden.

 Sind Leistung und Moral unüberbrückbare Gegensätze im Sport?

GRUPE: Es kann im Einzelfall so sein, aber es muss nicht generell so sein. Unser ganzes Leben besteht ja auch darin, dass Leistungen erbracht werden müssen, damit wir überleben können, damit eine Gesellschaft oder Kultur überleben kann. Dass da Konkurrenzen entstehen, ist klar. Dass aber auch Regeln aufgestellt und eingehalten werden müssen, scheint mir ein ganz wichtiges ethisches Problem zu sein, auch des Sports.

Worin sehen Sie denn gegenwärtig die größte Gefahr für den Leistungssport?

GRUPE: In seiner Benutzung für fremde Zwecke: ihn z.B. zu einem politischen Instrument zu machen und das Ansehen eines Volkes an Sportleistungen zu knüpfen. Das passiert ja immer wieder, hat aber mit dem eigentlichen Sport nichts zu tun. Der Sport muss sich dagegen wehren, instrumentalisiert zu werden. Daneben gibt es inzwischen zunehmend auch die Ausbeutung des Sports für ökonomische Zwecke, oft von Interessenten, die gar nicht die Weiterentwicklung von Sport im Sinn haben.

 Gilt das auch für den Breitensport?

GRUPE: Man muss unterscheiden zwischen Breiten- und Spitzensport. Ich beobachte ihre Entwicklung schon lange und sehe, dass sie sich in den letzten Jahrzehnten auseinander entwickeln. Man vergisst dabei zum Beispiel, dass im Breitensport jedes Wochenende und auch während der Woche Millionen von Menschen teilnehmen, und das funktioniert ganz unglaublich gut. Wenn ich mir vorstelle, welche Transportleistung von Eltern die vielen Fußballspiele von Knaben- und Jugendmannschaften jede Woche ermöglichen, was man oft gar nicht sieht, dann erkennt man zum Beispiel, was da an Sozialleistungen im Sport erbracht wird.

 Jetzt steht die Fußball-EM an. Im Vorfeld wurde um die Vorgänge um Julia Timoschenko in der Ukraine heftig diskutiert. Kann der Sport etwas verändern in politischer Hinsicht, gerade was die Wahrung von Menschenrechten betrifft, und wie mündig dürfen Sportler sein?

GRUPE: Ich glaube, man überfordert den Sport, wenn man das von ihm verlangt. Ich finde, dass sich die deutsche Mannschaft und einzelne Spieler ganz souverän verhalten haben, indem sie gesagt haben: Sie gehen da jetzt hin, aber sie wissen auch, was sich da abspielt. Sport-Boykotte nützen meistens nichts: Mal abgesehen, dass es dem Sportler nichts nützt, nützt es auch den Betroffenen im Grunde nichts. Aber man muss trotzdem seine politische Meinung deutlich vertreten. Die meisten Spieler sind meines Erachtens politisch reif genug, das zu wissen.

 Wie wichtig schätzen Sie die Rolle von Sportlern wie Magdalena Neuner oder Dirk Nowitzki als Vorbilder ein, um Werte zu vermitteln, die nur der Sport vermitteln kann?

GRUPE: Deren Rolle kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Bedauern muss man eigentlich nur, dass das alles nach einem Jahr vermutlich schon wieder vergessen ist. Natürlich: An Persönlichkeiten wie Magdalena Neuner wird man sich noch lange erinnern, wie man sich auch an Beckenbauer und andere Athletinnen und Athleten erinnert.

Wie beurteilen Sie die Wichtigkeit von Sport für die Integration von Migranten?

GRUPE: Der Sport ist dabei sehr wichtig. Zudem funktioniert seine Integrations-Leistung relativ lautlos. Die Leistung der Vereine in dieser Hinsicht wird meines Erachtens bis jetzt sehr wenig gewürdigt. Wenn jemand ein ordentlicher Fußballspieler ist und den verschlägt es aufs Dorf, dann findet er schnell Anschluss, selbst wenn es mit der Sprache noch hapert. Das war ja nach dem Krieg auch so, dass viele Flüchtlinge in Dörfer kamen, die ordentliche Kicker waren. Da war es überhaupt kein Problem, sie aufzunehmen und zu integrieren. Die Vereine haben dabei eine zentrale Rolle gespielt.

 

In anderen Ländern gibt es keine Vereinsstruktur wie hierzulande. Wie bewerten Sie das deutsche System?

GRUPE: Wir haben wirklich ein großartiges, sich selbst organisierendes Vereinssystem mit einer sehr guten Jugendarbeit. Viele Länder beneiden uns darum. Natürlich können wir eine Gesellschaft, in der alle Sportfans sind, nicht erreichen. Warum auch? Und zwangsmäßig Sport zu treiben, entspricht nicht der Idee eines freien Sports in einer freien Gesellschaft. Unser Vereinssystem kann man sicher verbessern, aber nicht ersetzen. Man muss jedoch für die nötigen Voraussetzungen und Einrichtungen sorgen, dass es sich entwickeln kann.

Redaktion: KLAUS VESTEWIG

 

 

 

 

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